

Eurovision vs. Gay Pride
Für weltweites Aufsehen sorgte der gewaltsam aufgelöste CSD, der "Slavic Pride", in Moskau am Finaltag des Eurovision Song Contests. Vor Ort war unser Mitarbeiter und Grand-Prix-Experte Hilmer Tasto, er schildert uns seine persönlichen Eindrücke.
Der Eurovision Song Contest fand dieses Jahr in der schwulenfeindlichsten Hauptstadt Europas statt, nämlich in Moskau. Und da dieser größte Musikwettbewerb der Welt endlich in Russland ausgetragen wurde, erhofften sich viele einheimische Schwule und Lesben, die Veranstaltung und das Drumherum als Plattform nutzen zu können, um auf die diskriminierende Situation in ihrem Land aufmerksam zu machen.
So versuchte bereits zu Beginn der Probenwoche, zu der viele westeuropäische Journalisten angereist waren, ein Lesben-Paar als erstes gleichgeschlechtliches Paar überhaupt, eine offizielle Eheschließung zu erwirken. Irina Shepitko in einem weißen und Irina Fedotova-Fet in einem schwarzen Anzug statteten zusammen mit dem bekannten Homo-Aktivisten Nikolai Alexeyev einem Moskauer Standesamt einen überraschenden Besuch ab. Die Beamtin wiegelte ab, formell sei nur die Eheschließung zwischen „Mann“ und „Frau“ möglich. Das Paar will nun im Sommer nach Toronto fliegen, in Kanada ist eine Homo-Eheschließung auch für Nicht-Staatsbürger möglich.
Noch viel erschreckender und für uns westliche Schwule unverständlich waren die Vorgänge am 16. Mai, dem Final-Samstag des Eurovision Song Contest. Ebenfalls unter der Federführung von Nikolai Alexeyev wurde bereits vor Monaten eine Gay Parade angekündigt. Die Moskauer Behörden verboten die Parade – wieder einmal. Und erneut wollten sich die Organisatoren ihr durch die Verfassung garantiertes Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit nicht nehmen lassen. Zunächst sollte der als „Slavic Pride“ bezeichnete Protest im Zentrum von Moskau stattfinden, aber kurz vor Beginn wurde die Veranstaltung an einen Aussichtspunkt in die Nähe der Universität verlegt, an einen Ort, wo sich ansonsten nur Touristen und Hochzeitspaare zum Fototermin treffen.
Gegen Mittag fanden sich dort bis zu 60 Protestierende ein. Die berüchtigte Spezialeinheit Omon intervenierte bereits nach wenigen Minuten. Für russische Verhältnisse wohl etwas zu provokant erschien Organisator Alexeyev eingehakt mit einer Drag Queen im Hochzeitskleid. Als die Polizisten fragen, was das denn sollte, schlug die Braut mit ihrem Strauß auf die Ordnungshüter ein. Etwa 30 Teilnehmer wurden verhaftet, rabiat in die Polizeifahrzeuge gezwängt und auf einer Wache zum Verhör festgehalten. Der britische Aktivist Peter Tatchell kam am späten Nachmittag auf freien Fuß, nachdem ein Beamter seiner Botschaft interveniert hatte, Alexeyev blieb noch ein paar Tage länger in Haft.
Und dabei ging es auch anders: In St. Petersburg fand am selben Tag ebenfalls eine Regenbogenparade statt. Die Veranstalter hatten es dort wohl geschickter angestellt als in Moskau. Der Zug zog unbehelligt mit vielen bunten Luftballons durch die Stadt. Selbst das russische Fernsehen berichtete davon.
Metropole voller Gegensätze
Moskau ist eine Stadt voller Gegensätze, wie ich selbst feststellte. So sah ich nachts in der Metro auch schon mal ein kuschelndes lesbisches Paar und war verwundert über so viel Freizügigkeit. Zumal sonst Blickkontakte und freundliche Gesten in öffentlichen Nahverkehr eine Seltenheit sind. Auch die sozialen Unterschiede sind groß. Da gibt es auf der einen Seite den wohlhabenden Russen, der seinen Reichtum mit Protz und Prunk ausstellt und die Designer-Labels und Top-Marken so wild miteinander kombiniert, dass es fast schon an Geschmacklosigkeit grenzt. Auf der anderen Seite gibt es die Mittelschicht, die gerade erst an den westeuropäischen Lebensstandard herangekommen ist, jetzt aber sehr stark unter der Wirtschaftskrise leidet. Auffällig ist, dass man kaum Kinder und alte Menschen wahrnimmt. Die bleiben in ihrem Stadtviertel, da man sie nicht den völlig überlasteten öffentlichen Verkehrsmitteln aussetzen will.
Der schwule Moskauer ist im Stadtbild schwer auszumachen. Entweder sieht man übertrieben gestylte Typen im Manga-Tokio-Hotel-Look, die dazu sehr androgyn und „bitchy“ wirken, oder es gibt den „Normalo“-Schwulen, der sich aber als solcher von den Heterosexuellen kaum unterscheidet.
Parallelwelt Eurovision
Beim Eurovision Song Contest dagegen treffen sich, wie jedes Jahr, während der zwei Wochen vor dem Finale fast ausschließlich Schwule. Das „Meet and Greet“ mit den Fans aus anderen teilnehmenden Ländern ist für mich ein großes „Familientreffen“. Das blieb auch dem norwegischen Sieger Alexander Rybak nicht verborgen. In der Pressekonferenz nach dem Finale meinte er, dass in Moskau ungeachtet der brutalen Festnahmen die größte und medienwirksamste Schwulenveranstaltung stattgefunden habe, nämlich der Eurovision Song Contest.
Es wird wohl noch mindestens zehn bis 15 Jahre brauchen, bis die Community in Moskau so viel Akzeptanz erfährt, dass sich Schwule und Lesben sichtbarer in der Öffentlichkeit zeigen und gewaltfreie CSD-Veranstaltungen und Gay-Paraden organisieren können. Noch ist der Einfluss der orthodoxen Kirche und der Ultranationalisten auf die öffentliche Meinung zu groß. Moskau ist zum „Nobel-Shopping“ und Sightseeing eine Reise wert, für das schwule, freizügige Austoben sollten aber andere Metropolen bevorzugt angesteuert werden.
Von Hilmer Tasto



















